udo schindler & katharina weber –
spielzeit atemzeit horizontzeit
unit records utr 4484

SCHINDLERS SALON

Seit 2009 lädt UDO SCHINDLER in die Bergstraße 28c in Krailing, in seinen Salon für Klang & Kunst. Sebastiano Tramontana hat sich da schon eingefunden, Frank Gratkowski und Hubert Bergmann. Der hat dabei ebenso das Pleyel-Piano bespielt (#13) wie Hans Poppel (#21) und Claudia Ulla Binder (#40). Dieses Piano ist also eine feste Größe bei den Salon-Begegnungen, von denen nun #28 (27.07.12) als Spielzeit Atemzeit Horizontzeit (Unit Records, UTR 4484) mit KATHARINA WEBER nachhörbar ist. Da der Berner Dichter Franz Dodel Schindlers geteilten Atem mit der Berner Pianistin schon unübertrefflich bedichtet hat, fällt es nicht leicht, deren bereits auch durch drei Intakt-Veröffentlichungen gewürdigtes Spiel in ein noch deutlicheres Licht zu rücken. Webers Pianistik unterscheidet sich von der von Irene Schweizer wie György Kurtágs Musik von den Ivory & Ebony-Grooves auf den Zugvogelrouten. Ihr bedächtiges Spiel hat klassisches Kammerformat und eine von jazzigen Phrasierungen zwar keineswegs unbeleckte, aber doch relativ unabhängige Poetik. Die sich dennoch gern Schindlers Flirtversuche als 'Schwarzdornderwisch' auf der Bassklarinette oder als knöriger Bajazzo mit dem Kornett gefallen lässt. Da hilft sie seiner Verstopfung mit sprudelndem Geperle auf den Topf. Schindler gibt sich mit Kontrabassklarinette noch wurzelseppiger, die Schläge, mit denen ihn Weber auf Trab bringt, sind mehr als bloß Denkanstöße. Sie stößt ihn auf offene Horizonte zu, er macht quengelig mit, stöbert aber, sopranistisch verschlankt, bald auch schon vorneweg ins 'sperrgebiet aus windkeilen und pilzringen', sie bleibt ihm accelerierend auf den Fersen. Er raspelt Spaltklänge, brodelt Spucke, sie spintisiert im Klavierinnern, pocht aufs Bassregister, plonkt an Holz und Draht. Er ploppt und gurrt, sie klopft mit einem Stöckchen, harft und pingpongt im Innenklavier. Plötzlich klimpert sie im höchsten Tempo drauflos um sich auch schnell wieder zu beruhigen, während Schindler weiterhin an der Wurzel nagt. Um danach auf der Kontrabassklarinette zu flippern, von Webers Gnomengetrappel umwuselt. Zuletzt kosten die beiden noch den Kontrast zwischen pianistischer Mondscheintristesse und närrisch verquerem Kornettgetröte aus. So köstlich lässt sich Zeit nutzen.
[BA 79 rbd]

Rigobert Dittmann
 



SCHINDLER / WEBER
spielzeit atemzeit horizontzeit
Unit / unitrecords.com
Udo Schindler (cl, bcl, cbcl, ss, cornet), Katharina Weber (p)

SCHINDLER / HARNIK
empty pingeonhole
creative sources / creativesourcesrec.com
Udo Schindler (cl, bcl, cbcl, ss, cornet), Elisabeth Harnik (p)

Etwa einmal im Monat lädt der Architekt und Blasmusiker Udo Schindler sich ausgewählte Gäste in sein Haus in Krailling nahe München, namentlich in den Salon für Klang + Kunst (siehe freiStil #33). So finden sich auf Schindlers Liste Koryphäen wie etwa Katharina Klement, Frank Gratkowski, Manon-Liu Winter, Harald Lillmeyer oder Cordula Bösze. Die Spielregel besagt, dass Schindler immer selbst mit seinen Gästen musiziert. Zwei davon, beides Pianistinnen, haben ihn dazu angeregt, die Livesituation auf CD zu dokumentieren. Weitere sollen folgen. Auf Unit Records erschien soeben sein Duo mit Katharina Weber. Hoch hängt der Standard dieses modernen Jazz, der oft unvermutet Fenster öffnet, die den Blick auf freies Gelände gewähren. Katharina Webers Musik, verkündet das Intakt-Label, „bewegt sich in der großen Welt der heutigen Musik, in der Grenzen nicht mehr exisitieren und Neue Musik und Jazzimprovisation verschmelzen.“ Nicht von ungefähr outete sich Fred Frith als Weber-Fan.

Noch wesentlich weiter von herkömmlichen Klavier-Klarinette-Duospielweisen entfernt sich Schindler mit bzw. dank Elisabeth Harnik auf empty pingeonhole (gemeint ist wohl pigeonhole = Schublade; Anm.) des Lissaboner creative sources-Labels. Bis weit hinein ins Material, in den Klangkörper, ins Innerste der Musik und an die Quellen ihrer Herstellung reicht diese fulminante Interaktion. Harnik frappiert am und im Klavier durch hörbare Lust am Risiko, extreme Wendigkeit und durch die Wechselwirkung des kräftigen und des flüchtigen Anschlags; Schindler folgt ihren Spuren und Hakenschlägen mühelos und evoziert seinerseits inspirierende Temperamente. Kurz, wir erleben hier nichts weniger als eine Sternstunde der Duokunst, die den Weg von Bayern über die Schweiz und Portugal bis hinein in die offenen Ohren diesseits und jenseits des Weißwurstäquators zurücklegt. (felix)

Freistil #52 /Austria Andreas Fellinger