f

f

 

 

 

 

 

NN/ERL/LOKAL/LOKAL1 - Mo 25.06.2007 - STADT ERLANGEN

Kirchner-Tochter verspricht „Flucht nach Ägypten“
30 Jahre Burgberggarten, 25 Jahre Skulpturengarten:
Dichtes Jubiläumsprogramm und eine angekündigte Schenkung

…Vor 25 Jahren, am 12. Mai 1982, wurde nämlich anlässlich des 80. Geburtstages des Erlanger Bildhauers Heinrich Kirchner der gleichnamige Skulpturengarten mit 17 Großplastiken aus Bronzeguss eröffnet.

Das Programm startete mit einem Konzert des Erlanger Musikers Klaus Treuheit und seinem Ensemble. Die Musikperformance „Spielraum 12“ für sechs Musiker (neben Treuheit der Wuppertaler Christoph Irmer an
der Violine, der Ravensburger Bassist Klaus Füger, der Kölner Saxofonist Georg Wissel, der Münchner Klarinettist Udo Schindler und der Göttinger Bassklarinettist Ove Volquartz) erwies sich wie erwartet dem zu feiernden Gegenstand angemessen — mystische Klangfiguren, nichts zum Mitschnippen und Mitwippen.

pm

 

 

 


f

f

Hermannstädter Zeitung

Datum: Freitag, 20.Oktober. 2006@ 12:16:13 EEST
Thema: Kurznachrichten



Zum zweiten Mal fand das „Jazz and More“-Festival im Thaliasaal statt

Mit einer bunten Palette an improvisierten Musikaufführungen verwöhnten internationale Künstler letztes Wochenende das Hermannstädter Auditorium beim „Jazz and More“-Festival im Thaliasaal. An drei Abenden verwandelte sich die Bühne in eine farbenprächtigen Kulisse und die improvisierte und elektronische Musik, New Jazz und viele andere Jazzarten, ließen der Phantasie der Zuhörer freien Lauf. Im Atrium-Cafe mischten sich die Künstler unter das Volk und boten ihnen Ausschnitte aus dem Festival an.

Klavier, Cello, Schlagzeug, Blasinstrumente und technische Ausrüstungen schmückten die Bühne im Thaliasaal. Die Jazzmusiker aus Deutschland, Polen, Neuseeland, der Schweiz und Rumänien boten ein Wechselbad der Musikarten an. Zum Auftakt improvisierten der Schweizer Saxophonist Jürg Solothurnmann und der Gitarrist Matthew Mitchel aus Neuseeland in einem halb leeren Saal. Jürg Solothurnmanns Devise lautet: „Improvisierte Musik ist eine Herausforderung.“ Der Schweizer war vor 18 Jahren erstmals in Hermannstadt aufgetreten und sagt: „Nächstes Jahr komme ich wieder.“

Am zweiten Abend wippten die Köpfe des Publikums im Takt mit dem Ion Baciu Trio, das auch Stücke für Liebhaber von „klassischem Jazz“ vortrug. Das polnische Duo Robert Piotrovicz und Ana Zaradny bot mit elektronischer Musik, begleitet von Saxophon, Gitarre und Laptop, herausfordernde Momente.

Mit improvisierten Stücken verblüfften am letzten Abend des Festivals die deutschen Musiker Udo Schindler und Dr. Stephan Richter die Anwesenden. Schindler kommentierte: „Das Publikum ist sehr aufmerksam und neugierig.“ Die zwei deutschen Künstler waren zum ersten Mal in der zukünftigen Kulturhauptstadt Europas und waren von Hermannstadt sehr begeistert. „Mir gefällt Hermannstadt sehr“, sagte Dr. Stephan Richter. Und Udo Schindler fügte hinzu, daß sie nächstes Jahr wieder kommen werden.

Der Hermannstädter Jazzpianist und Komponist Mircea Tiberian zusammen mit dem JAM Ensemble, stellten zum Abschluß das eigenwillige Musikstück „The Tree?“ (der Baum) vor. Mircea Nicula Streit, der Art Director des Jazzfestivals war mit der diesjährigen Veranstaltung sehr zufrieden. Er werde aber weiter kämpfen, damit die freie und kreative Jazzkultur auch in Hermannstadt ein Zuhause findet. „Ich möchte musikalische Brücken schaffen zwischen Rumänien, Europa und Amerika“, sagt der Hermannstädter. Sorana BRADU

 

 

 

 




f

f

Wörthsee

Klangbauten

Kleine Klassiker der
Improvisierten Musik


von Manfred Kaiser

Improvisierte Musik führt in ländlichen Gebieten ein Schattendasein. In größeren Städten wie München, Nürnberg oder Würzburg hat sie ein Zuhause, dort wo Musikhochschulen oder Konservatorien Menschen binden, deren Interesse für Musik der Gegenwart grundsätzlich geweckt ist.

Schade, denn Improvisierte Musik wäre gerade für den ländlichen Raum eine Bereicherung. Sie ist keineswegs eine, wie der Name unterstellt, die ihre Komposition dem Zufall überlässt, sondern eine, die aus der gezielten Vorbereitung heraus im originären Augenblick musikalische Bauwerke setzt beziehungsweise inszeniert. Einbezogen werden vermeintlich passive Elemente wie der Raum, in dem gespielt wird, oder auch das Publikum, das als integrierter Klang-körper aktiviert wird.

Udo Schindler arbeitet so – von Wörth see aus. Er ist hauptberuflich Architekt, veröffentlichte Lyrik, arbeitete am Theater. Als Musiker nahm er bereits an verschiedenen Festivals und Konzerten Neuer Musik im In- und Ausland teil. Er spielte unter anderem mit Eddie Pre vost, Sebi Tramontana, Gerry Heming way oder Jürg Solothurnmann. Musikalisch tätig ist er in verschiedenen Formationen. Ihm ist wichtig, dass Duos und Ensembles keine kurzzeitigen Projekte sind, sondern längerfristig zusammen arbeiten, einander inspirieren, gemein sam Traditionen entwickeln. In größerer Besetzung spielt Udo Schindler mit dem Improvisationsorchester „munich instant II“, zu zweit mit Margarita Holz bauer, Harald Lillmeyer, dem Duo 48Nord sowie mit Stephan Richter, mit dem Schindler zuletzt den Tonträger „Kleine Klassiker“ herausgab.

Udo Schindler und Stephan Richter, Jazzkritiker und Lehrbeauftragter für Jazzgeschichte an der Hochschule für Musik in Würzburg, finden sich seit etwa zwei Jahren zu ökonomisch uninteressierten Begegnungen zusammen, um zu musizieren. Über ein halbes Jahr hinweg kommt es zu zweiwöchigen Treffen, in der eine Reihe von Aufnahmen entstehen – ohne Studio, ohne das Gekünstelte einer Aufnahmesituation, komplett
improvisiert und aus dem Moment her aus geboren. Der aktuelle Tonträger enthält acht Segmente aus einer Reihe kleiner Klassiker, samt und sonders Er-gebnisse eines außergewöhnlichen Zu-sammenspiels.

Dieser Musik ist der Einzug in klassische Aufführungsräume des Münchner Umlandes zu wünschen. Was wäre das für ein Klang – in historischen Kirchen, Klöstern oder Schlössern! Was wäre das für ein Aufbruch in die Gegenwart!

 

 




 

Süddeutsche Zeitung Nr. 25 Montag, 01. Februar 2010


Kultur / Service

Aus dem Augenblick geboren

Ad-hoc-Pianist Klaus Treuheit sind alle Mittel recht

Krailling
Wer die maximale musikalische Freiheit sucht, ist bei Jazz noch lange nicht am Ziel. Umso weniger, wenn vom weitgehend auskomponierten und durcharrangierten Jazz der jungen Generation die Rede ist. Und je enger dort die Grenzen der Improvisation gezogen werden, desto mehr Beachtung findet, was heute mit dem Begriff ad hoc music bezeichnet wird:
Improvisation gänzlich aus dem Augenblick geboren, ein Streben nach absoluter Musik ohne harmonische Vorgaben, ohne feste Formen, ohne Grenzen in der Tonerzeugung. Zu dieser Szene gehört der Architekt Udo Schindler, der instrumental vielseitig zwischen Rock und Jazz begann, um schließlich mit Saxophonen und Klarinetten über die Neue Musik zur gänzlich improvisierten Musikform zu gelangen. Als er von Steinebach nach Krailling umzog, war die Einrichtung eines kleinen Kreativstudios möglich, das er Salon für Klang und Kunst nannte.
Gast im Salon 4 war nun der renommierte Ad-hoc-Pianist Klaus Treuheit, zunächst am präparierten Flügel solistisch zu hören. Seine Wurzeln liegen im Jazz, was er in seiner experimentellen Improvisation auch nicht leugnet. Treuheits Schwerpunkt liegt aber in der Erschließung des gesamten Tonraums und der Erweiterung der Klangmöglichkeiten des Instruments, die sich bisweilen recht unkonventioneller Mittel bedien:
Holzkamm, Tischtennisbälle, Kastanien, Bleistifte, Steine.
Beim Präparieren des Flügels sind alle Mittel recht, die das Klangspektrum mit möglichst fesselnden Varianten zu erweitern helfen. Abgedeckte Basssaiten waren zunächst für perkussive Klänge vorbereitet, gongartig der Abschnitt darüber, dann zirpelnde Töne mit leichten Tischtennisbällen auf den Saiten, schließlich unpräpariert die Höhen, die von Haus aus eine klirrende Charakteristik besitzen. Zupfen und Handdämpfung der Saiten sorgten für zusätzliche Nuancen. Die Dramaturgie der Improvisation begann so mit einer gewissen klanglichen Ordnung, die sich sukzessive auflöste. Zunehmend kombinierte Treuheit die Klangverfremdung frei, stellte Farben neu zusammen, der Verdichtung und Intensivierung der Töne und Strukturen folgend. Aus der Ordnung entstand damit ein überaus emotionaler Kosmos narrativer Prägung. Dahingehend schloss dich die zweite Konzerthälfte mit Schindler an Grenzen der Ton- und Geräuscherzeugung auslotenden Sopransaxophon und Bassklarinette direkt an. Ensemblebildung ist im Fall von ad hoc music eine geradezu abenteuerliche Angelegenheit. Per Hören und Reagieren begeben sich die Zusammenspieler auf eine Reise ins Ungewisse. Im Duo Schindler und Treuheit bekam der Dialog eine räumliche Ausdehnung, in der sich überraschende, ja geheimnisvolle Ereignisse zutrugen.

Reinhard Palmer

 

 

 

 

 

 


 

Süddeutsche Zeitung Nr. 68 Kultur Dienstag 23.03.2010


Bach zwischen Jazz und Rock

Modern interpretierte Barockmusik und Bilder beim Salon für Klang und Kunst

Krailling
Versonnen mit viel Flageolett-Tönen, beginnt Gilles Zimmermann die Gavotte aus einer der Violoncello-Suiten von Johann Sebastian Bach. Den Bogen perkussiv eingesetzt, antwortet Joseph Warner, übernimmt dann die Melodieführung, zeigt ausgeprägte Virtuosität. Schon die Besetzung ist so ungewöhnlich wie spannend: Viola da Gamba (Zimmermann) und Kontrabass. Auch der Ort des Geschehens unterscheidet sich vom herkömmlichen Konzertsaal: Ein Privathaus in Krailling ist es, in dem der Musiker und Architekt Udo Schindler seinen „Salon für Klang und Kunst“ präsentiert. Neben den beiden Musikern hat Schindler auch die Malerin und Skulpteurin Eva Schöffel eingeladen, um einige ihrer Werke zu zeigen.
Die ostinaten Bassfiguren zupft Joseph Warner mit ungeheurer Intensität, macht richtig Druck, den Gilles Zimmermann auf etwas subtilere Weise übernimmt. Warner arbeitet viel mit Doppelgriffen, was der Basis auch ein eindeutig definierbares harmonisches Gerüst gibt. Die sehr rhythmisch angelegten und stark synkopierten Phrasen rücken Bachs Musik in die Nähe zum modernen Jazz. Die nächste Invention von Bach lebt von der ausgefeilten Slapping-Technik des Bassisten und der intellektuellen Melodik des Gambisten. Warner übernimmt hier die Führung, zeigt sich als hervorragender Virtuose. Dabei vermittelt er in seinem Spiel stets diese unglaubliche, fast animalische Wucht, während Zimmermann sich mit vornehmen, manchmal sogar zurückhaltenden Linien begnügt.
Die Courante aus der ersten Violoncello-Suite beginnt mit einer rasenden Bass-Einleitung. Zimmermann legt nun den Bogen beiseite und zupft die Viola da Gamba – sie gilt ja auch als eine Vorläuferin des beliebtesten Zupfinstruments unserer Tage, der Gitarre nämlich. Die folgende Gigue lebt von den Elementen der Rockmusik – Warner entpuppt sich mittlerweile als witziger, feixender Sympathieträger, der die familiäre Atmosphäre des Konzerts sowohl für musikalische als auch verbale Gaudi nutzt.
Nach einem veritablen Blues als Zugabe schließlich outet sich Joseph Warner. Seine Lieblingsmusik, so erzählt er, sei eigentlich Heavy Metal. Und doch bewegt er sich hörbar gekonnt in barocken und jazzigen Gefilden. Auch Zimmermanns Bluesspiel überzeugt: Manchmal scheint Altmeister Stéphane Grappelli Pate gestanden zu haben.
Als schönen Kontrast zur sinnlichen Musik präsentiert Gastgeber Schindler die reduzierten Bilder von Eva Schöffel. Ihre Linoldrucke „Out“ und „F“ zeigen die verschachtelte Struktur japanischer Städte. Aus denen hat sie eines der „Häuser“ genommen und daraus die „Reihe-1“ geschaffen, eine minimalistisch-konstruktivistische Folge von Variationen des gleichen Themas. Auch räumliches Sehen und Arbeiten („Wiesenstück“) spielt in ihrer Kunst eine große Rolle.

DR. PETER BAIER

 

 

 

 

 


 

 

Süddeutsche Zeitung Nr. 50 Dienstag, 02. März 2010


Kultur

Unkonventioneller Dialog mit der Posaune
Sebastiano Tramontana erweitert sein Spiel mit Stimm- und Körpereinsatz

Krailling
Der 5. Salon war es mittlerweile, zu dem der Architekt und Musiker Udo Schindler in seinen Kreativraum lud. Dass immer noch nur wenige Besucher kommen verwundert kaum. Krailling ist nicht gerade der Ort, an dem sich die Szene für gänzlich improvisierte Ad-hoc-Musik versammelt. Das kann sich aber ändern, denn es sind keine Randerscheinungen des Genres, die Schindler hier präsentiert. Mit dem in München lebenden Sizilianer Sebastiano (Sebi) Tramontana platzierte sich ein international renommierter Posaunist vor die Panoramascheibe mit nächtlichem Ausblick über die Gemeinde.
Der vielseitige Künstler, der auch schauspielerisch und bildnerisch agiert, ist nur schwer einzuordnen. Seine Auftritte tragen stark performative Züge, sie erzählen durchaus Geschichten, wenn auch in abstrahierter Form. In meterlangen Leporellos, die er vor sich ausbreitete, waren sie in Zeichnungen, Skizzen und Niederschriften festgehalten. Tagebücher für Erlebnisse, Gedanken und Empfindungen. Ihre akustischen Entsprechungen entstanden assoziativ, mit Humor und schier endlosem Ideenschatz in der Tonerzeugung. Tramontana versteht es nicht nur, die spieltechnischen Möglichkeiten des Instruments unter Einsatz Ton verfremdender Dämpfer auszuschöpfen, sondern sie mit Stimm- und Körpereinsatz unkonventionell zu erweitern. Schnalzen, Pfeifen Stöhnen, Rufen, Sprechen, Singen, Stampfen, Klopfen, Husten, Zischen, Blasen, im Dialog mit der Posaune oder variationsreich durchs Posaunenrohr geschickt – das Vokabular Tramontanas ist schier unerschöpflich. Der erzählerische Duktus führte zwangsläufig zu suggestiver Charakteristik, die bisweilen an die Vertonung von Zeichentrickfilmen denken ließ – etwa in der Art von „La linea“ des italienischen Cartoonisten Osvaldo Cavandoli: mit Witz und Neigung zu parodistischer Übertreibung.
Im Duo mit Udo Schindler (Sopransaxophon und Bassklarinette) stellt sich eine anders geartete Aufgabe. Nicht zum ersten Mal spielten Tramontana und Schinder zusammen, so dass die Phase der Annäherung sehr schnell überwunden war und das Interagieren von Entschiedenheit geprägt ausfiel. Die Strukturen verdichteten sich rasch und konkrete Motive wie rhythmische Figurationen kristallisierten sich heraus. Schindler ließ sich gerne auf den narrativen Duktus Tramontanas ein und griff selbst tief in die Trickkiste der Klangdifferenzierung, schon mal mit Hilfsmitteln wie Alufolie über dem Schallbecher des Saxophons, was feines, metallisches Zirpen hervorrief. Die inhaltliche Konkretisierung verlieh den Dialogen eine dramaturgische Linie, die trotz Ad-hoc-Improvisation Entwicklung, Höhepunkt und Schluss klar definierten. So entstanden packende, straffe Erzählungen, die das Publikum mitrissen.

Reinhard Palmer

 

 

 

 


 

 

 

Süddeutsche Zeitung 05.03.2009


Ein Architekt setzt seine Werke in Musik um

Udo Schindler prägt das Bild avantgardistischer Festivals / CDs sind heutzutage sein Sprachrohr

Planegg
Formale Verwandtschaften zwischen Architektur und Musik lassen sich bis weit in die Antike zurückverfolgen. Größenbeziehungen griechischer Tempel entsprechen den musikalischen Proportionen der Intervalle und gemessenen Saitenlängen der harmonischen Zusammenklänge. Mit der Äußerung, Architektur sei gefrorene Musik, bekannte sich selbst der große Wegbereiter der modernen Architektur Frank Lloyd Wright zu dieser Tradition. Für den Planegger – bis vor wenigen Wochen noch Wörthseer - Architekten Udo Schindler ist es umgekehrt ein Leitmotiv, aus eigenen architektonischen Werken Musik zu entwickeln.
1952 in Zirndorf geboren, erlebte Schindler die 68er-Revolte im Fränkischen, wo er an der Gitarre und an den Drums rockte. Als Saxophon und Querflöte sein musikalisches Spektrum erweiterten, wandte er sich von 1975 an stärker dem Jazzrock zu. Später ergänzte er sein Können noch, indem er auch Klarinette lernte. Am Nürnberger Konservatorium studierte Schindler schließlich Flöte und an der TU München Architektur. Als er sich 1980 als Architekt selbstständig machte, kam ihm die Musik jedoch nicht abhanden. Vielmehr befreite er sie damit von den ökonomischen Zwängen, um sich auf noch unbefestigte Pfade zeitgenössischer E-Musikformen begeben zu können. Bis heute widmet er sich ferner dem Erlernen weiterer Instrumente, so des Kornetts und Akkordeons.
In den 1990er Jahren wandte sich Schindler mit seinem Arch-Ensemble der Neuen Musik zu, während bei Schindler-Interferenz-3 improvisierte Musik im Mittelpunkt stand. Es ging vor allem um die Erweiterung der Klangmöglichkeiten der Instrumente durch unkonventionelle Spielweisen. Spaltung der Klänge, Mikrotöne, Flageolett-Spiel, Überblastechniken oder Einsatz von Zirkularatmung. Freejazz und Neue Musik gingen bei Schindler nahtlos ineinander über. In München war es der späte Aufbruch ins neue musikalische Zeitalter, geprägt von Grenzüberschreitungen, der Erprobung bereits ausgereifter elektronischer Möglichkeiten oder eben der Öffnung der Gattungen. Schindler prägte das Bild avantgardistischer Festivals mit, wie musica viva oder Klangaktionen, bevor sie im Renommee erstarrten. Er musizierte im In- und Ausland mit Eddie Prevost, Sebi Tramontana, Gerry Hemingway, Jürg Solothurn-mann, Zoro Babel oder 48nord. Nicht selten mit performativen Elementen, die eine Verbindung zur Literatur und vor allem zum Theater nahegelegten. Schindler wurde vom Musiker zum Darsteller, führte bald Regie und komponierte.
Heute konzentrieren sich die Schauplätze der avantgardistischen Musik auf wenige Großstädte, verstreut in der ganzen Welt. Dabei zu bleiben, ist für ihn zeitlich nur schwer möglich. Zum Sprachrohr wurden seine CDs, über die er seine internationale Präsenz bewahren kann. Darauf zu finden sind bisweilen ausgewählte Ergebnisse entspannter Zusammenkünfte auf dem Land, wohin er Musiker – die meist ebenfalls im Münchner Umland leben - einlädt. Im Duo und Trio entstehen Aufnahmen von nahezu archaischer Transparenz: Reife Früchte, wie „rot“ oder „Kleine Klassiker“. (Kasten)

Reinhard Palmer

 

 

 

 

 

 

Süddeutsche Zeitung, 5 March 2009


An architect translates his works into music
Udo Schindler is shaping the face of avant-garde festivals / Nowadays, CDs are his mouthpiece

Planegg
Formal affinities between architecture and music can be traced as far back as the ancient world. The relationships of magnitude found in Greek temples correspond to the musical proportions of the intervals and measured string lengths of harmonic consonances. Even the great pioneer of modern architecture himself, Frank Lloyd Wright, confessed to being a follower of this tradition with his statement that architecture is frozen music. The Planegg-based architect, Udo Schindler - who until recently lived and worked in Wörthsee – has the opposite leitmotif: to develop music from his own works of architecture.
Born in Zirndorf in 1952, Udo Schindler experienced the 1968 revolts as a rock guitarist and drummer in Franconia [a region in the south of Germany]. From 1975 onwards, after extending his musical range to include the saxophone and the flute, Schindler focused more on jazzrock. He developed his skills even further by also learning the clarinet and finally went on to study the flute at the Conservatory in Nuremberg and architecture at the Technical University of Munich. He never lost touch with music even after going freelance as an architect in 1980. Rather, his work allowed him to liberate it from economic constraints, enabling him to start his journey into the uncharted territory of serious contemporary musical forms. To date, he has also devoted himself to learning more instruments, such as the cornet and the accordion.
In the 1990s, Schindler and his Arch-Ensemble set their sights on new music, while Schindler-Interferenz-3 focused on improvised music. The objective was to extend the range of sounds the instruments offered by playing them in unconventional ways. Splitting of sounds, microtones, harmonics, overblowing techniques or the use of circular respiration. The boundaries of free jazz and new music were seamless for Udo Schindler. In Munich, this was the late departure to new musical shores characterised by the crossing of boundaries, the use of tried and tested electronic opportunities or, simply, an opening up of the genres. Schindler was instrumental in shaping the face of avant-garde festivals such as musica viva or Klangaktionen before their renown crippled them. He performed with Eddie Prevost, Sebi Tramontana, Gerry Hemingway, Jürg Solothurn-mann, Zoro Babel and 48nord in Germany and abroad, frequently with performative elements that established a link to literature and, in particular, the theatre. "Schindler the Musician" became "Schindler the Actor", then he worked as a director and composed music.
Today, the venues for avant-garde music are concentrated on a few cities spread across the globe. Time restrictions make it extremely difficult for him to participate in them all. But he is able to make his presence felt internationally thanks to his CDs. These sometimes include selected results of relaxed get-togethers in the country to which he invites musicians who, too, usually come from in and around Munich. Recordings with an almost archaic transparency performed by duos and trios: ripe fruits like "rot" or "Kleine Klassiker“.

Reinhard Palmer

 

 

 

 

 

Süddeutsche Zeitung Nr. 123

f

 

freiStil- Magazin für Musik und Umgebung #33 Oktober / November 2010

f

f

f

sz krailing

 

 

harald rettich

 

 

 

 


Süddeutsche Zeitung Nr. 126 vom 04. Juni 2013

 

Improvisation mit allen Mitteln

 

Schindler, Klement und Tramontana präsentieren Musik-Abenteuer

Krailling - Musikinstrumente sind "Geräte zum Hervorbringen musikalisch verwertbaren

Schalls", heißt es in den Lexika.

Das heißt nicht, dass ein Flügel über die Tastatur bedient werden muss, oder dass

Blasinstrumente brav singende, möglichst klangschöne Melodielinien zu erzeugen haben.

Sind Atemrauschen, oder menschenstimmliche Tonerzeugung nicht auch musikalisch

verwertbar? Entsprechen die Möglichkeiten des Computers nicht ebenso den

Voraussetzungen eines Musikinstruments?

Wie der Einsatz so erweiterter Möglichkeiten klingt, kann man regelmäßig bei Udo Schindler

in Krailling erleben.

Der Architekt und an diversen Blasinstrumenten passionierte Ad-hoc -Musiker betreibt in

seinem Wohnhaus seit Jahren bereits den "Salon für Klang und Kunst", in dem nun die 35.

Auflage einer solch grundlegenden und intimen Begegnung mit der Welt der Töne, Klänge

und Schallsphären im kleinen Kreis der Liebhaber und Musiker stattfand.

Gewiss, auch die Neue Musik, also zeitgenössische ernste Musik, hat längst schon die

Skala der Tonerzeugung den Grenzen des Möglichen angenähert. Doch in der Ad-hocImprovisation wird auch der musikalische Begriff an sich auf die fundamentale Grundidee

zurückgeführt.

Musik ist "die absichtsvolle Organisation von Schallereignissen" heißt es in der lexikaIen

Definition. Ob der Musiker einer Partitur folgt oder aus dem Moment heraus zum Organisator

der selbst erfundenen Schallereignisse wird, spielt für den Musikbegriff keine Rolle. Als

Composer-Performer stellte Schindler seinen Gast aus Wien vor : Katharina Klement.

Am Flügel bewegt sie sich zwischen komponierter und improvisierter, elektronischer und

instrumentaler Musik. Die Lehrbeauftragte am Institut für Komposition und Elektroakustik

der Wiener Universität hatte nicht nur ihre enorme Imagination mitgebracht, sondern auch

eine Reihe von Hilfsmitteln: wie etwa Gummibälle, Essmesser, Glas , Holz- und Metallstäbe,

Rosshaar.

Damit brachte sie die Flügelsaiten zum Klingen, Dröhnen, Scheppern, Grollen, Hallen

oder Zirpen. Immer wieder auch rhythmisch strukturiert, verstärkt perkussiv zwischen

ausgedehnten Passagen freier Klangraumentfaltung, bisweilen mit einem mittels EBow dynamisch oszillierend modellierten Bordun-Tonteppich unterlegt. Trockene, schon

mal scharf umrissene Geräusche der sparsamen Computer-Zuspielurig verstärkten die

dreidimensionale Wirkung.

Ein spannendes Unterfangen ist in der Ad-hoc-Musik die Ensemblebildung, in der es gilt,

ohne Vorlagen zu einem gemeinsamen musikalischen Empfinden zusammenzufinden.

Schindler selbst stellte den experimentellen und gespielten Klaviertönen substanzvolle

Klänge aus Saxofon und Klarinetten gegenüber, beeindruckte etwa mit langsam

schwingenden Tonsäulen in tiefsten Lagen oder warf spieltechnisch herausgestoßene

Tupfen in den Raum. Im Trio mit dem Tonzauberer Sebastiano Tramontana, der mit seiner

Posaune – samt Dämpfern aller Art zu einem einzigartigen, bisweilen skurrilen Wesen

mutierte.

Schindler griff auch zum Kornett, um zwischen Klavier und tief artikulierender Posaune

zu vermitteln. Bei dieser körperhaften Substanz konnte Klement ihr glänzendes pianistisches

Können an den Tasten demonstrieren, zumal Tramontana mit seiner unerschöpflichen

Erfindungsgabe an Spieltechniken, erzeugten Geräuschen, Kombinationen mit stimmlichen

Einwürfen, Atemspielen oder perkussiven Geräuschen den Mitspielern viel Raum zur

Entfaltung öffnete. Auch optisch war die Performance des Trios fesselnd und mit Witz zu

erleben. Das reinste Abenteuer Musik - sofern man bereit ist, vorgefasste Erwartungen

abzulegen.

 

REINHARD PALMER

 

 

 

Süddeutsche Zeitung Nr. 145 vom 27. Juni 2011

 

Archaischer Klang

 

Grenzregionen der Musik erkundet

Krailling - Emanzipation des Geräuschs.

Die Stimme wird zum Instrument, das

Instrument zur Stimme. Atemgeräusche,

Luftholen, Ausatmen. Das Kornett

dient nicht nur zur Erzeugung von

Tönen, sondern auch zu klanglichem

Abenteuer, zu spannenden Momenten,

zu Grenzerfahrung in einem Bereich

zwischen herkömmlicher Musik und

eigenwilliger Soundvorstellung. Die

menschliche Stimme gesellt sich dazu,

findet eigene Ausdrucksformen. Interaktion

zweier besonderer Künstler: Rainald

Schwarz (Stimme) und Udo Schindler

(Blasinstrumente), die im Rahmen von

Schindlers Salon in Krailling ein Konzert

der besonderen Art gegeben haben.

Der Architekt und Musiker Schindler hat

sich in seinem kubistisch anmutenden

Haus an der Bergstraße einen kleinen

Konzertsaal gegönnt, in dem er regelmäßig

seine Salons abhält: Treffpunkt für

Freunde, Bekannte, aber auch immer

wieder Gäste, die neugierig sind auf

Spannendes aus dem weiten Feld der

Musik. Schwarz singt nicht, er vermittelt

stimmgewaltig Emotionen, auch sehr

Menschliches mittels Geräuschen: Er

grunzt, räuspert sich, rülpst, wechselt dann

in scat-ähnliche Muster, um diese schnell

wieder zu verlassen, um das Ursprüngliche

der Stimme einzusetzen.

Schindler entlockt seinem Kornett hohe,

flageolettgleiche Töne, knallt dem Publikum

dann bebop-entlehnte Phrasen um die

Ohren, ergeht sich in komplexe Rhythmen.

So vielfältig die Laute sind, die Menschen

von sich geben, wenn sie nur noch

fühlen, wenn der Intellekt sich ausklinkt,

so vielfältig stellen sich auch die

grenzübergreifenden Lautäußerungen

des Stimmakrobaten dar, archaische

Geräusche, die allen im Raum vertraut

sind.

Schindler wechselt zum Sopransaxophon,

wechselt zur Bassklarinette; die Intensität

der Musik bleibt gleich. Keckern, Hauchen,

Räuspern, Zischen, das Instrument knurrt

wie ein verletztes Raubtier. Schindler

klappert mit den Klappen, ergeht sich

in urgewaltiger Wucht, die Schwarz mit

hornissengleichem Summen begleitet.

Peter Baier

 

 

 

 

 

Süddeutsche Zeitung Nr. 174 vom 31. Juli 2013

 

Abenteuer Klang

 

Pereyra und Mayr glänzen in Krailling

 

Krailling - Als Ende der 1960er Jahre die

Entwicklung der Ad-hoc-Improvisation einsetzte

und sich in diversen Facetten europaweit

ausbreitete, spielte Elektronik noch eine weit

untergeordnete Rolle. Dass sich der Einsatz

neuester technologischer Mittel nahtlos in die

Klangmaterie dieser Gattung einfügt, wurde beim

37. Salon für KLANG + KUNST in Krailling deutlich.

Die Blasinstrumente, die der Gastgeber Udo

Schindler von Querflöte über Klarinette bis hin zu

den Großkalibern Bass – und Kontrabassklarinette

imposant aufgereiht hatte, boten ein überaus

farbenreiches und dynamisches Klangspektrum.

Mit blubbernden, oszillierenden, in Zweistimmigkeit

überblasenen oder mikrotonal schleifenden

Tonbögen hielt er sich aus dem vordergründigen

Geschehen eher zurück und überließ die Bildung

von Struktur und Duktus meist seinen Gästen aus

der Münchner Musikszene. Adrian Pereyra nutzte

dabei seine E-Gitarre kaum noch in ihrer gewohnten

Klangqualität. Sowohl

programmierte wie auch dynamisch per

Handsteuerung und Touchpad veränderbare

Funktionalitäten manipulierten die eingehenden

Signale der Gitarre in schier grenzenlosem

Spektrum. Vom filigranen Tröpfeln, über in die

Weiten gedehnte, per E-Bow (bringt Saiten

elektromagnetisch ins Schwingen) erzeugte

Sphärentöne bis hin zu donnernden Bassfluten,

die nicht nur das Trommelfell, sondern auch die

Eingeweide zum Vibrieren brachten, sorgte Pereyra

vor allem für die besonderen Effekte.

Der vielseitige Violoncellist Mathis Mayr geriet

dadurch in die Aufgabe des Vermittlers, der die

Dinge zu ordnen hatte.

Und er fühlte sich dabei hörbar wohl, wagte auch

ausgeprägte melodisch-kantable Passagen oder

hinterlegte einen groovenden Rhythmus – was

im Kontext abstrakter Klangabenteuer seine

überraschende Wirkung nicht verfehlte.

Wie bei Pereyra machte sich bei Mayr die Nähe

zur Neuen Musik bemerkbar, vor allem in der

Konkretisierung von Motiven und Figuren, die der

Stegreifimprovisation eine kraftvolle Charakteristik

verliehen.

 

REINHARD PALMER

 

 

 

Süddeutsche Zeitung Nr. 123 vom 01. Juni 2010

 

Klänge aus dem Universum

 

Lillmeyer und Schindler experimentieren und faszinieren

Krailling • Sind Geräusche Musik? Besteht Musik aus Geräuschen? Was überhaupt sind

Töne? Was ist Klang? Alles und nichts. Diese künstlerisch existentiellen Fragen stellt sich

der Gitarrist und Klangerzeuger Harald Lillmeyer.

Und er will Antworten geben auf diese Fragen; Antworten, die der Hörer und Zuschauer sich

schließlich selbst geben muss, die er nur für sich entscheiden kann:

Ist es Geräusch, ist es Klang, oder ist es gar Musik?

Udo Schindler, der umtriebige Architekt und Musiker, hat wieder einmal in seinen "Salon für

Klang und Kunst" eingeladen, hat eben jenen Harald Lillmeyer präsentiert, der soeben auch

bei der Münchner Biennale zu hören war.

Harald Lillmeyer - Gitarrist, Banjospieler, Experimentator, Elektroniker. Ein besonderer,

durchaus spannungsgeladener Abend in Krailling.

"Glück" nennt Harald Lillmeyer sein erstes Stück. Er legt das Banjo flach übers Knie, wie

man es von der Hawaii-Gitarre her kennt. Dann fährt er mit dem so genannten E-Bow

über die Saiten, einem kleinen elektronischen Gerät, das ähnlichen Effekt erzeugt wie ein

Geigenbogen. Hohe, metallisch anmutende Geräusche erzeugt er damit, schafft dadurch

und mit gekonnt eingesetzten Flageolett-Tönen eine entrückte, sphärische Atmosphäre.

Klänge aus dem Universum.

Dann handfester: Mit seiner aus geklügelten Elektronik spielt Harald Lillmeyer

Sendersuchlauf eines alten Röhrenradios, lässt das Instrumentarium knistern und rauschen,

oszillieren und flirren.

Dann ein Knall, dem heftige Rückkopplungen folgen. Wie aus einem Science-FiktionFilm dann plötzlich die "Diving Bomb": Urplötzliches Eintauchen in unglaubliche

Tiefen. Textcollagen umrahmen Lillmeyers Effekte: "Die wilde Gesellschaft der

Sumpfdotterblume" ist von Sprechstimme zu hören, oder "Betreten der Eisfläche untersagt" -

gesellschaftskritische Ansätze.

Im zweiten Set gesellt sich Gastgeber Udo Schindler dazu: Auf der Bassklarinette

demonstriert er gekonnt Überblastechnik, Flageoletts; dazu nun die E-Gitarre von Harald

Lillmeyer, starker Einsatz des Vibratohebels - Blitz und Donner aus sechs Saiten. Der

Gastgeber und Veranstalter wechselt zur Snare-Drum, deren ursprünglichen Klang er

verfremdet mit Tischtennisbällen, Mini-Reisigbündel, kleinen Gongs, Geigenbogen und

Schneebesen. Heavy Metal auf die etwas andere Art.

Dann wieder die Bassklarinette - Udo Schindler spielt ohne Mundstück, entlockt dem

Instrument gehauchte Töne, setzt die Klappen sowohl rhythmisch als auch melodielastig

ein. Schließlich: Seine geradezu intensiven Küsse des wieder aufgesetzten Mundstücks

wirken gleichermaßen erotisch wie auch klanglich ansprechend. Und die Gitarre? Auf- und

ab schwellend, mal mit Zupfblättchen, mal ohne- Klangerlebnis der eigenwilligen Art.

Harald Lillmeyer und Udo Schindler: Das bedeutet Emanzipation des Klangs, ja des

Geräusches.

 

Peter Baier

 

 

 

 

 

Frank_Gratkowski

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

nach oben